Ein verschriftlichtes Radiointerview mit mir.
Moderator: Sie tauschen schon seit 1999 im Urlaub ihr Haus. Wie sind sie eigentlich auf diese Idee gekommen?
Nina: Damals hatte ich in einer Zeitschrift eine Reportage über Haustausch gelesen und konnte mich erinnern, dass mein Klassenlehrer es auch schon gemacht hatte und meine Mutter ihn irgendwann mal ganz indiskret fragte, wie das denn funktionierte mit drei Kindern als Lehrer in den Sommerferien nach Kanada, in den Weihnachtsferien nach Hawaii und er hat es dann bereitwillig erklärt und erzählt. Aber ich habe das Ganze über die Jahre wieder vergessen und es kam mir dann wieder ins Gedächtnis, als ich die Reportage las und ich fand das sehr spannend.
M: Was fasziniert Sie an diesem Gedanken? Und natürlich auch am Erleben, Sie tun es ja?
N: Fasziniert war und bin ich immer noch von der Tatsache, dass ich live mittendrin im Leben im einzelnen Land bin, nicht irgendwo separiert mit anderen Touristen. Also es ist auch etwas, was ich meinen Kindern wunderbar fürs Leben mitgeben kann, das Erleben, wie Menschen in anderen Ländern leben.
M: Und wie funktioniert das Ganze? Also wie kann ich mir das vorstellen? Denn ich meine, das bucht man ja nicht per Katalog, sondern muss es irgendwie anders machen.
N: Also 1999 war es wirklich noch per Katalog. Da kam dann ein gebundenes Buch, was schon annähernd Versandhauskatalogstärke hatte und dann hat man das durchgeblättert. Die einzelnen Tauschpartner schreiben dort nieder, in welche Länder sie wann reisen möchten, was sie zu bieten haben, wie groß das Haus ist, wie viele Betten sie haben. Und damals hat man dann noch wirklich Briefe verschickt oder auch ein Fax und das war schon sehr schwierig, anstrengend und aufregend. Es dauerte jetzt bei mir Gott sei Dank nicht so lange an, weil wir dann auch unsere erste E-Mail-Adresse bekamen und unseren ersten Internetzugang und dann wurde das Ganze schon um Längen einfacher, wobei es trotzdem immer noch ein sehr zeitintensives Unterfangen war, weil es unendlich lange dauerte, bis sich die Webseite überhaupt aufbaute. Das geht heute um Längen einfacher und schneller. Die großen Haustauschorganisationen haben ganz normale Online-Portale wie andere Communities auch und dort präsentiert man sich. Wenn man prädestiniert wohnt, in Berlin oder in Spanien am Meer, oder da ein Ferienhaus hat, wird man sich vor Angeboten kaum retten können. Im vorderen Odenwald ist der Andrang etwas verhaltener, da muss man dann selbst sich auf die Suche begeben.
M: Was sind denn die Bedingungen, um da mitzumachen?
N: Bedingungen gibt es keine. Außer, dass man bereit ist, seine Wohnung, seine Ferienwohnung oder sein Haus zum gleichen Zeitpunkt zur Verfügung zu stellen, wie die andere Familie reisen möchte. Man kann auch tauschen, wenn man in einer Mietwohnung wohnt. Das braucht ihr Vermieter in keiner Weise erlauben oder verbieten. Das ist im Prinzip wie ein Besuch.
M: Sie haben eben schon gesagt, das wird organisiert. Von wem genau?
N: Das sind jeweils Vereine, die das anbieten. Man wird Vereinsmitglied. Und im Rahmen des bezahlten Mitgliedsbeitrages kann man sich dann überhaupt nur auf der Haustauschplattform anmelden und die anderen Mitglieder kontaktieren.
M: Einige Hörer könnten jetzt vielleicht denken. Wie kann man nur Fremde in sein Haus oder in die Wohnung lassen? Da wird doch bestimmt was geklaut. Welche Erfahrungen haben sie denn da gemacht?
N: Also ich habe bislang die Erfahrung gemacht, dass nachher mehr da war als vorher. Man hat vor dem Haustausch aber auch einen sehr intensiven Austausch und in dem Moment, wo es zum Tausch kommt, ist der andere kein Fremder mehr, sondern eher ein Freund. Das muss teilweise so intensiv sein, um die Details abzustimmen: Wie der Schlüssel übergeben wird, wie das mit der Autoversicherung läuft oder was man im Kühlschrank hinterlässt, ob der andere Allergien hat und etwas besonderes zu Essen benötigt. Das geht soweit, dass man so viel über das Gegenüber weiß, dass es teilweise intensiver ist als Kontakt zu weiter entfernten Verwandten.
M: Und sie haben dadurch ja auch schon richtige Freunde gewonnen?
N: Ich habe dadurch auch Freunde gewonnen. Die allerersten Tauschpartner sind damals schon ein Rentnerehepaar aus Los Angeles gewesen. Sie sind dreimal hintereinander in die Gegend von Frankfurt gekommen, da ihre Tochter im Generalkonsulat tätig war. Sie wollten gerne in der Nähe der damals noch kleinen Enkelkinder sein, aber nicht bei ihnen im Haus oder in der Wohnung. Und Tom und Elaine haben dieses Jahr im Februar ihren 51. Tausch absolviert. Das war in Berlin. Und da bin ich nach Berlin geflogen und habe sie getroffen. Sie sind jetzt annähernd 80 Jahre alt. Wir haben all die Jahre den Kontakt nie verloren und sie sind richtige Freunde.
M: Das macht den Unterschied zu einem normalen Urlaub sehr deutlich, glaube ich. Sie haben selbst ja Kinder. Wie finden die das denn, Urlaub in einem fremden Haus zu machen?
N: Die kennen es nicht anders. Ich fand folgende Geschichte ganz interessant: Im Kindergarten meiner mittleren Tochter fand eine Erzieherin das Konzept auch ganz spannend und interessant und hat sich das dann im Internet mit ihrem Mann angeschaut. Sie haben sich dann eine Familie ausgesucht, die sie anschreiben wollten, aber die drei Töchter haben nein gesagt und konnten sich das überhaupt nicht vorstellen, dass irgendjemand in ihren Gemächern residiert.
M: Jetzt möchte ich natürlich noch von ihnen wissen: Wo geht es in den Sommerferien für sie hin?
N: In den Sommerferien geht es nach Großbritannien.
M: Und zwar im Haustausch?
N: Und zwar im Haustausch.